Gedanken zur Qualität in der Architekturfotografie

World Trade Center Dresden Fine Art Aufnahme Andre Henschke Architekturfotograf in Dresden Turm des World Trade Center Dresden Langzeitaufnahme und Wiedergabe in Schwarz-Weiß / Fine Art

Gedanken zur Qualität in der Architekturfotografie oder: Welche Potentiale hat gute Architekturfotografie und woran ist gute Immobilienfotografie zu erkennen?

Inhalt: Einführung dokumentarische Objektivität - Tilt-Shift-Objektive in der Architekturfotografie - Anschau-Abstand und Ansichts-Perspektive in der Architekturfotografie - Bildqualität und Mikrokontrast - Wer bestellt hochwertige Architekturfotografie - Das Dilemma der Architekturfotografie - Zusammenfassung



Einführung dokumentarische Objektivität

Im Zeitalter der Digitalisierung steht die Fotografie immer stärker unter dem Einfluss, vormals optisch-mechanische Lösungen durch rein digitale Prozesse abzubilden. War früher viel Know-How zur Aufnahme eines professionellen Fotos notwendig, um ein gutes Resultat in der Dunkelkammer zu erreichen, so sind heute so viele Versuche wie notwendig quasi kostenlos und digital möglich, bis ein zufrieden stellendes Bild gelungen ist. Mir persönlich stellen sich vor diesem Hintergrund sowie als Betriebswirt aus dem Bereich Unternehmensführung/Strategieberatung und Marketing dazu viele Fragen, denen ich an dieser Stelle etwas Raum geben möchte, nicht zuletzt, da im Gespräch mit Auftraggebern und Kunden wie auch Kollegen an vielen Stellen einige der folgenden Thema bereits oft diskutiert wurden.

Die Architekturfotografie bzw. die Immobilienfotografie begegnen der Entwicklung der Digitalisierung bislang durch langsame aber stetige, meist handwerklicher Adaption. Stellen wir uns eingangs die Frage, was ein gutes, ein optimales Architekturfoto ausmacht. Das perfekte Resultat der Architekturfotografie wird als Symbiose aus Harmonie und Proportionen:

  • aus einer Zentralperspektive
  • mit ca. 42 mm Brennweite aufgenommen.
  • Stürzende Linien werden ebenso vermieden.
  • wie Verzerrungen nicht vorkommen sollen.
  • Die Perspektive soll die Intention des Architekten,
  • wie auch Blickachsen und Symmetrien wiedergeben und damit
  • dem Betrachter des Gebäude positiv kommentiert durch ein Foto
  • eingebettet in der Landschaft oder dem urbanen Habitat vermitteln.
Die rein dokumentarische Objektivität steht im Vordergrund - ganz wie die klassische “Düsseldorfer Schule” es lehrte. Technisch ist dies bereits seit vielen Jahren mit fast allen digitalen Kameras möglich, sowohl APSC wie auch Vollformat-Kameras liefern hier überzeugende Resultate. Architekturfotografie ist also praktisch keine Frage besonders teurer Ausrüstung.

Dennoch steht die Fotografie von Gebäuden und Immobilien real vor einer Reihe von nahezu unlösbaren Problemen, die sich aus technischen Gegebenheiten wie auch wirtschaftlichen Sachzwängen ergeben. Fotografie ist immer der Versuch, Räume oder Gebäude in ihrer Dreidimensionalität in nur zwei Dimensionen abzubilden. Als Optimum hat sich dabei eine Normalbrennweite von 42 mm erwiesen, dies entspricht dem Blickwinkel des menschlichen Auges. Wird die Kamera in der Zentralperspektive positioniert, also in der halben Höhe eines Raumes oder mittig gegenüber der Fassade eines Hauses, so wird der dreidimensionale Raumeindruck am besten im zweidimensionalen Foto wiedergegeben. Eine kurze Brennweite wird aus zwei Gründen vermieden:
  • eine kurze Brennweite führt zu hohen Randverzerrungen an den Seiten des Fotos
  • eine kurze Brennweite lässt das Abbild des Raumes sehr flach erscheinen, die Raumwirkung verschwindet.
Nun ist die Nutzung der Normalbrennweite von 42 mm, oder auch von nur 35 mm (was für den Betrachter keinen Unterschied im vermittelten Raumeindruck erkenne lässt) aber nur möglich, wenn genügend Abstand zwischen Gebäudefassade und Aufnahmeort des Bildes besteht. Ideal für gute Architekturfotos ist daher das gerade fertiggestellte Firmengebäude auf einer grünen Wiese (am besten im Zeitraum von April bis Oktober), ohne Abnutzungsspuren und in der Blüte seiner Qualität, mit sehr viel Platz rund um das Objekt, was dem Architekturfotografen optimalen Zugriff mit besagter Normalbrennweite ermöglicht. Sowohl bei Sonnenaufgang wie auch bei Sonnenuntergang und zu allen Tageszeiten steht das Haus in allen Perspektiven zur Verfügung. Wurde auch in den Dimensionen der Innenräume großzügig gedacht, so können auch mit Normalbrennweite Interior Fotos aufgenommen werden.

Architekturfotografie Idealfall einer Immobilienfotografie oder Interiorfotografie: Aufnahme aus der Zentralperspektive und mit 35 mm - Panoramaaufnahme


Leider ist dieser Idealfall sehr selten anzutreffen, was technische Lösungen erfordert, um die beschriebene Qualität trotzdem erreichbar werden zu lassen. Die Verwendung eines stabilen Stativs ist immer wichtig, ich nutze einen Getriebeneiger, denn nur mit einem Getriebeneiger kann die Kamera wirklich sehr präzise ausgerichtet werden. Kugelkopf- oder Dreiwegeneiger sind immer ungenau und es braucht viele Versuche, bis die Kamera des Architekturfotografen wirklich exakt ausgerichtet ist. Bitte vergessen Sie eines nie: Die Sensorebene der Kamera muss immer präzise und exakt parallel zu der Fassade der Immobilie ausgerichtet sein, welche fotografiert werden soll. Steht die Sensorebene schief, ist es nachher kaum oder nur mit sehr viel Aufwand möglich, diese entstandene Verzerrung aus dem Bild wieder zu entfernen. Man erkennt diese Fehler durch Oberkanten der Häuser, die dann an mindestens einer Ecke nicht parallel zur Bildkante verlaufen. Dies gilt nicht, wenn das Haus von einer Seite schräg fotografiert werden soll, hier ist keine parallel Führung der Kamera möglich.

Tilt-Shift-Objektive in der Architekturfotografie

 Einen Ausweg bildet der Einsatz des Tilt-Shift Objektivs, welches durch Neigung des Objektivtubus (Tilt-Funktion) und dem zusätzlichen Verschieben des Objektivtubus (Shift-Funktion) den bestehenden Blickwinkel erweitert. Als Beispiel sei dafür folgendes Szenario benannt: Ein 24 mm Tilt-Shift Objektiv verfügt über einen nativen Blickwinkel von ca. 56°, der Objektivtubus kann um jeweils 12mm nach links wie auch rechts sowie oben und unten verschoben (geshiftet) werden. Durch Einsatz der Shift Funktion kann der erreichbare Bereich also ausgedehnt werden und erreicht maximal einen Bildwinkel bei 12 mm Shiftfunktion, der dem eines normalen 17 mm Objektiv entspricht (wenn extreme Auslenkungen des TS-O nicht außer Acht gelassen werden, erreicht es einen Bildwinkel von 14 mm eines Normalobjektivs, bezogen auf den jeweils erreichbaren Bildwinkel des Shiftpanoramas). Tilt-Shift-Objektive erlauben also die Symbiose einer Weitwinkligkeit, ohne typische Weitwinkelverzerrungen zu erzeugen. An APSC entsprechen diese 24 mm dann 35 mm Normalbrennweite, an Vollformat käme ein 1.4 Konverter hinzu. Tilt-Shift Objektive erlauben also das Erreichen einer gezielten, auch einseitigen Weitwinkligkeit. Doch woraus genau besteht der Mehrwert eines solchen Spezialobjektivs? Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Ein Architekturfotograf soll ein Gebäude mit 6-7 Stockwerken fotografieren. Geht man von einer Geschosshöhe von 2,50-3,00 Metern aus, so erreicht das Gebäude ca. 20 Meter Höhe. Der Einfachheit halber gehen wir auch von 20 Metern Breite der Immobilie aus. Da diese Immobilie fotografiert werden soll, ohne dass stürzende Linien auftreten, ist die Kamera auf einem Stativ gerade nach vorn auszurichten, ohne sie nach hinten zu kippen.

Ein 35 mm Objektiv an Vollformat (also Normalbrennweite wie in der Architekturfotografie empfohlen) bildet bei einem Abstand vom Gebäude von 50 Metern bei horizontaler Kameraausrichtung 51,29 m und vertikal 34,29 m ab. Da die Kamera aber gerade ausgerichtet wurde, sind von den vertikalen 34,29 Metern nur 50% nach oben gerichtet, was ca. 14 Metern entspricht - das Haus passt also nicht auf das Foto. Erst bei einem Abstand von 65 Metern zum Gebäude kann unser Architekturfotograf auf vertikale 44,57 Meter zurückgreifen - 22,25 Meter in der Höhe lassen die Immobilie insgesamt im Architekturfoto erscheinen. Die Nutzung eines normalen Objektivs und der Verlust der “unteren” 50% des Bildbereichs ist auch mit dem Verlust von 50% der Bildauflösung im Bezug auf das fertige Foto verbunden, was eine zusätzliche Motivation zum Einsatz von Tilt-Shift-Objektiven darstellt. Es kann auch auf digitale Korrektur der stürzenden Linien zurückgegriffen werden, wenn die Kamera näher an das Haus gerückt wird und nach hinten gekippt würde, was in vielen Fällen auch sehr gute Ergebnisse liefert. Nutzt der Architekturfotograf aber statt dessen ein Tilt-Shift-Objektiv mit 35 mm Brennweite, so kann er den Bildwinkel nach oben verschieben, also shiften und erhält aus der Kamera perfekte Bilddaten. Damit erhöht sich der Bildwinkel, das gleiche Foto kann nun schon aus 32 Metern Distanz statt 65 Metern aufgenommen werden. Das folgende Beispiel illustriert den Unterschied, die Kamera stand 57 Meter vom Gebäude entfernt und erfasst daher nur fünf der sieben Obergeschosse ohne Verwendung der Shift-Funktion: 1: Bildausschnitt ohne Shift-Funktion mit Schnitt auf die obere Bildhälfte, 2: erster Shift-Schritt von 5 mm, 3: zweiter Shift-Schritt um weitere 6 mm, das Ergebnis im linken Bildteil ist eine Panoramaaufnahme mit 35 mm. Nun ist die Frage berechtigt, weshalb unser Architekturfotograf nicht einfach weitere acht Meter nach hinten gehen konnte, und das Foto ohne Tilt-Shift-Objektiv aufnehmen würde.

Architekturfotografie mit Tilt-Shift-Objektiv in Normalperspektive versus Bildausschnitt ohne Shift-Funktion Vergleich einer Tilt-Shift-Aufnahme mit 35 mm (links) und im Vergleich des oberen Bildausschnitts ohne Shift-Funktion (rechts)

Die Antwort ist einfach und gleichzeitig philosophisch: Architekturfotografie und Politik haben erstaunlich viel gemeinsam. Politik wird als Kunst des Möglichen definiert. Es war Konrad Adenauer, der einmal sagte: “Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, andere gibt's nicht.” Ähnlich steht es um unseren Architekturfotografen, er muss die Immobilien und die Architektur nehmen wie sie ist, er kann die Gegebenheiten nicht ändern. In vielen Innenstädten gibt es keine Möglichkeit, um weitere acht Meter wie im obigen Beispiel beschrieben, zurück zu gehen. Eine normale Straße ist oft mit zwei Gehwegen und zwei Fahrbahnen sowie einer Seite für parkende Autos nur 15 Meter breit. Es ist also unumgänglich, auf spezielle Technik zurück zu greifen, um diese Aufgabe der Fotografie von Architektur gerecht zu werden. Daher kommen auch Tilt-Shift-Objektive zum Einsatz, die beschriebene Normalbrennweite deutlich unterschreiten, und nur 17 Millimeter Brennweite nutzen. Dies bedeutet rechnerisch, dass anstelle der benannten 32 Meter Abstand zwischen Immobilie und 35mm-Tilt-Shift-Objektiv nun nur noch 22 Meter Abstand notwendig sind. Kippt der Architekturfotograf seine Kamera um 90° und fotografiert im Portrait Format, also hochkant, so reichen ihm 19 Meter aus, um ein 20 Meter hohes Haus aufzunehmen. Wir kommen also zu dem Schluss, dass Tilt-Shift-Objektive an Vollformatkameras den Zugriff auf Architektur auch dann verzerrungsfrei ermöglichen, wenn die Bebauung oder die Straßenverhältnisse den Einsatz längerer Brennweiten nicht zulassen.
Tilt-Shift Objektive sind Festbrennweiten, und Festbrennweiten bieten in der Regel eine bessere Qualität in der Abbildungsleistung als Zoom-Objektive.

Anschau-Abstand und Ansichts-Perspektive in der Architekturfotografie

Wie wir nun wissen, ist der optimale Bildwinkel von 35° bzw 42° dem menschlichen Auge entsprechend wichtig für die optimale also räumliche Wahrnehmung der Architektur. Es stellt sich aber die Frage, welcher Abstand nicht nur technisch und damit rechnerisch machbar ist, sondern, bei welchem Abstand eine Immobilie auch am besten aufgenommen wird. Als Richtwert wird der 1,5-fache Wert der jeweiligen längsten Kante dafür angenommen. Ist das Haus mehr breit als hoch, wird es mit dem 1,5 fachen Wert seiner Fassadenbreite; ist es mehr hoch als breit, wird es mit dem 1,5 fachen Wert seiner Höhe aufgenommen. Grundsätzlich kann Architektur aus drei Basis-Perspektiven fotografiert werden:
  • der frontalen Zentralansicht: eine flächige Fassade ist verzerrungsfrei zu sehen, die räumliche Tiefe erschließt sich jedoch nicht
  • der leichten Übereckansicht (auch "Kavalierperspektive" oder “Kabinettperspektive” genannt): die Fassade ist etwas angeschnitten zu sehen, die räumliche Tiefe ist ebenfalls erkennbar
  • der stärkeren Übereckansicht: von der Fassade ist vergleichsweise zu den vorangegangenen Perspektiven wenig zu sehen, dafür ist eine sehr starke räumliche Tiefe erkennbar.
  • Architekturfotografie stärkerer Übereckansicht zu einer Weitwinkel-Panoramaaufnahme Kavalierperspektive Kabinettperspektive Andre Henschke Architekturfotograf in Dresden
  • Architekturfotografie mit Tilt-Shift-Objektiv im Vergleich leichte Übereckansicht  Andre Henschke Architekturfotograf in Dresden
Vergleich: Aufnahme 1: Ohne Tilt-Shift-Objektiv in "stärkerer Übereckansicht" als Weitwinkelpanorama, Aufnahme 2: Tilt-Shift-Aufnahme mit 35 mm in "Kavalierperspektive" bzw.leichter Übereckansicht

Daraus ergibt sich, dass Architekturfotografie dann am optimalsten angewendet werden kann, wenn Immobilien oder Architekturleistungen mit viel Abstand zu anderen Gebäuden gebaut werden und zu allen Tageszeiten ungehinderten Zugang bieten. Um ein Gebäude optimal in der Architekturfotografie von allen Seiten abzubilden, sind demzufolge zwölf Ansichten notwendig. Diese teilen sich auf vier Zentralperspektiven auf, es folgt je Gebäudeseite eine Kabinettperspektive, was weitere vier Aufnahmen bedeutet, sowie vier Übereckansichten der einzelnen Seiten. Will man dem Anspruch der Fotografie aus der Zentralperspektive (also der höhen bezogenen Mitte des Hauses) auch noch gerecht werden, so ist meist ein Hubsteiger oder Kran erforderlich (wenn kein Haus o.ä. gerade an der entsprechenden Stelle zugägnlich ist). Da dies oft nicht umgesetzt werden kann oder soll, muss die Fußgängerperspektive genügen.

Um den Wert des Baukörpers auch hinsichtlich seiner technischen Möglichkeiten optimal zu dokumentieren, sollte die Architektur nicht nur bei Tageslicht fotografiert werden, sondern auch unter Einsatz ihrer Beleuchtung, was zwar dem Ansatz der dokumentarischen Objektivität widerspricht, aber für die erbrachte Bauleistung und den damit verbundenen Mehrwert durch Planer und Gebäudetechniker wesentlich ist. Architekturfotografie Frontalansicht im Vergleich zu einer stärkeren Übereckansicht Hermann Krone Bau an der TU Dresden
Vergleich: 1: Aufnahme in "stärkerer Übereckansicht", Aufnahme 2: Frontalansicht, Hermann Krone Bau der TU Dresden, aufgenommen mit Normaobektiv ohne Tilt-Shift-Funktion

Klar wird an dieser Stelle bereits, dass diese optimale Darstellung von Architektur durch Architekturfotografie in der Praxis sehr selten möglich sein wird. Sei es, weil Gebäude keine so umfassende Zugänglichkeit bieten, oder, weil Auftraggeber den Aufwand für eine so hochwertige Dokumentation leider nicht tragen möchten.

Bildqualität und Mikrokontrast
Warum das so ist, hat einen einfachen Grund. Objektive bestehen aus Glaslinsen. Ein gutes Objektiv kommt mit so wenigen Glaslinsen wie möglich aus, denn jede Linse reflektiert Licht (dieser Wert kann 5-8% betragen, beste Linsen erreichen ca. 0,48%) und lässt nur einen Teil des ursprünglich einfallenden Lichts auf der anderen Seite wieder heraus; Abbildungsfehler sind nie vollkommen zu vermeiden. Die Menge des absorbierten Lichts in Linsen variiert sogar nach dessen Farbe und ist wiederum von der Vergütung des Glases abhängig. Daher haben Objektive einen leichten Farbstich, der erst im Computer korrigiert werden muss, wohlgemerkt: korrigiert, nicht behoben, das Ergebnis wird nur optisch repariert. Das kann so weit gehen, das, um einen bestimmtes, gewünschtes Bokeh zu erreichen, im geringen Umfang Farbsäume akzeptiert werden müssen. Je höher vergütet ein Glas, desto besser sind dessen optische Eigenschaften. Jedes optische Glas weißt aber einen zwar geringen, aber nicht auszuschließenden Umfang an winzigen Luftbläschen auf, der das Licht ebenfalls trübt. Glas ist für "echte" optische Zwecke also nicht besonders geeignet, es ist bedauerlicherweise kein besseres Material bekannt, evtl. werden die Werkstoffwissenschaften irgendwann dieses Problem lösen. Ebenso spielt der Punkt der Beugungsunschärfe eine Rolle, den ich hier beschrieben habe. Das Objektiv soll scharfe Fotos liefern, es soll also den so genannten Mikrokontrast optimal darstellen. Beim Mikrokontrast handelt es sich um eine nicht genau messbare Größe, die in etwa das Schärfeempfinden des menschlichen Auges wiedergibt. Es geht dabei darum, Unterschiede im Kontrast selbst bei sehr feinen Strukturen darzustellen - ist ein Kontrastunterschied von weniger als 9,99% gegeben (also sehr wenig Kontrast) und ist dieser geringe Kontrastunterschied noch wahrnehmbar im Bild, verfügt das Bild über sehr viel Mikrokontrast. Dass können Oberflächen der Fassade aber auch Details der Haut sein, oder Blätter an Bäumen und Pflanzen. Je realer das Foto, umso prägnanter und realistischer stellen sich die Farben dar. Ebenso hat das Bild eine Dreidimensionalität und Tiefe, die unbewusst positiv erkannt wird. Wenn wir von einem "scharfen" Bild sprechen, dann meinen wir nicht wirklich die Auflösung des Fotos, denn das menschliche Auge ist bei einem vergleichsweisen normalen Abstand des Betrachters zum Bild und einem Bildwinkel von 42° nur in der Lage, eine Auflösung von 8-12 Megapixel wahrzunehmen. Diese 8-12 Megapixel sind deutlich weniger, als das, was moderne Objektive und Kameras aufzeichnen können. Alles, was an Auflösung über diese 8-12 Megapixel hinausgeht, wird vom Auge des Menschen schlicht nicht mehr als Auflösung gesehen. Mit anderen Worten: Der Mensch kann keine 50 Megapixel Auflösung auf einem Bild erkennen. Was wir als Schärfe im Bild bezeichnen, sind die Mikrokontraste und weniger die hohen Megapixel-Auflösungen der Sensoren der Kamera. Die Mikrokontraste sagen auch etwas darüber aus, wie hoch die Farbtreue und wie hoch der Tonwertumfang des durch ein Objektiv gefilterten Lichts ist und wie genau diese einzelnen Werte auf jeden Punkt des Bildes angewendet werden. Um es sehr einfach auszudrücken:

Gute Architekturfotos zeichnen sich dadurch aus, dass runde Elemente auch in weitwinkliger Darstellung rund bleiben, Linien nicht stürzen sondern parallel verlaufen, alle ursprünglich geraden Kanten im Bild gerade sind und nicht gekrümmt werden, Farben realistisch wirken und dank optimalem Mikrokontrast wirkt das Bild sehr scharf und kontrastreich.

Architekturfotografie mit Tilt-Shift-Objektiv 35 mm Fassadenbeispiel Beispiel einer Tilt-Shift-Aufnahme mit 35 mm: Verrechnung der Einzelaufnahmen zu einem verzerrungsfreien Architekturfoto

Doch wer bestellt im Jahr 2021 hochwertige Architekturfotos?
Der typische Verwerter der Immobilienfotografie und der Architekturfotografie ist entweder Immobilienmakler, Immobilieneigentümer oder Bauträger, Architekt, evtl. Ausstatter in Form von hochwertigen Fenstern, Türen, Möbeln, Lampen oder Bodenbelägen, Treppen, Küchen, Geländern oder sonstigen Elementen, und braucht zur Dokumentation oder zur werblichen Verwertung seiner Produkte gute Fotos - unabhängig von der realen Raumgröße wird ein präzises Ergebnis in fotografischer Form erwartet.

Gute Architekturfotografie oder Immobilienfotografie liefert nicht nur Bilder - sie bringt dem Auftraggeber auch Kunden.

Aus ökonomischer Sicht muss also unterschieden werden, ob eine Beauftragung des Immobilienfotografen aus einem praktischen Sachzwang heraus erfolgt, also, damit eine Immobilie verkauft werden kann (die Entscheidung den Sachwert zu liquidieren ist bereits gefallen) oder, ob der Architekturfotograf gerufen wird, weil aus positiven Gründen der Unternehmensentwicklung heraus eine werbliche Darstellung, eine Marketingmaßnahme oder eine PR-Aktion durch die Berufung eines Architekturfotografen als Erfolg dargestellt werden soll. Diese Verschiedenartigkeit der Motivation ist auch entscheidend für den Preis, der am Markt üblich ist.

Architekturfotografie Aufnahme des Werner-Hartmann-Naus der TU Dresden: Weitwinkelaufnahme, bestehend aus mehreren EInzelaufnahmen mit 35mm und Verrechnung zu einem Panorama, Abstand zum Gebäude wegen baulicher Gegebenheiten nur 15 Meter

Nun kommen wir aber zum eigentlichen Dilemma der Architekturfotografie:

Die freistehenden Gebäude mit viel Betrachtungsabstand und die großzügigen Innenräume sind nur in den seltensten Fällen vorhanden. Damit wird der Einsatz kürzerer Brennweiten unvermeidlich - auch wenn dies den Raumeindruck nicht perfekt wiedergibt. Tilt-Shift-Objektive mit 17 mm Brennweite sind am Markt üblich, durch Tilt- und Shift Funktion wird ihr Blickwinkel stark erweitert, eine Verzerrung an den Rändern ist aber auch hier nicht vollkommen zu vermeiden, wenn sich Wände oder Möbelstücke sehr nah seitlich der Kamera befinden. Ein 17 mm Tilt-Shift-Objektiv erreicht maximal mit 12 mm Shiftfunktion den Bildwinkel eines normalen 11 mm Objektivs an Vollformat.

Es ist eine lange und zum Teil müßige Diskussion, den Einsatz normaler Weitwinkelobjektive versus weitwinkliger Tilt-Shift-Objektive in engen Innenräumen zu diskutieren, natürlich bietet die Verrechnung vieler Tilt-Shift-Aufnahmen zu einem Panorama ein höherwertiges Ergebnis. Hier greifen aber einige Rahmenbedingungen in das reale Geschehen ein:
  • Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich leider nicht bestätigen, dass Räume und Zimmer im Trend größer werden, ganz im Gegenteil, die Dimensionen werden zunehmend kleiner. Mit engeren, kleineren Räumen steigt die Anforderung an das Objektiv. Straßen mit normaler Breite und Gebäuden mit sechs Stockwerken auf der gegenüberliegenden Straßenseite bieten keinen Platz für besagte 35 mm Brennweite. Leider bietet die Industrie keine Tilt-Shift-Objektive an, welche sich so weit verschwenken lassen, um auch in engen Innenräumen 35 mm einzusetzen - was ggf. auch an physikalisch-optischen Grenzen des Machbaren liegt, will man eine gewissen Qualität nicht unterschreiten. Aus technischen Gründen wird oft ein sehr weitwinkliges Objekv gewählt: Erst ab einer Raumgröße von mehr als 25 Quadratmetern sind Normalbrennweiten sinnvoll zur Wiedergabe des Raumeindrucks einsetzbar.

  • Ebenso muss beachtet werden, dass zwar technisch mit Vollformat und Tilt-Shift-Technik vieles möglich ist, gleichzeitig Budget-Smartphones mit 120° Weitwinkel Kameras auf dem Markt für unter 150 € zu haben sind. Mit anderen Worten: Der Einsatz eines Smartphones mit Weitwinkelkamera für 150 €, die Nutzung eines Smartphone-Statives für 25 € erzeugt für einmalig 175 € Einkaufspreis den Zugriff auf beliebig viele Aufnahmen, die mit etwas Übung in der Smartphone Fotografie Aufnahmen ermöglichen, die vielen einfachen Nutzern bereits genügen.

  • Dem gegenüber stehen Anschaffungskosten von mindestens 6.000 € für eine moderne Vollformatkamera mit 1 oder 2 Tilt-Shift-Objektiven. Mit Sicherheit werden Architekturfotografen weitaus bessere und hochwertige Aufnahmen anfertigen - nur welchen Wert sieht ein Kunde im Foto und was ist er bereit dafür zu bezahlen?

  • Betrachtet man den deutschsprachigen Markt im DACH Gebiet (Deutschland, Austria, SCHweiz), so ist die Bereitschaft, hochwertiges Handwerk zu bestellen und zu finanzieren um so höher, je weiter süd-westlich im DACH Gebiet Aufträge vergeben werden. Dies ist mit wirtschaftspolitischer Entwicklung aber auch mit der praktischen Wertentwicklung am Immobilienmarkt zu begründen.

  • Bezieht man am Markt tätige große Fotoagenturen in diese Übersicht ein, so wird der größte Teil an Architekturfotos oder Interior Fotos heute mit klassischen 16-20 mm Weitwinkelobjektiven realisiert.




TU Dresden Verwaltungsgebäude am Abend fotografiert von Andre Henschke Architekturfotograf aus Dresden TU Dresden Verwaltungsgebäude am Abend, aufgenommen aus Zentralperspektive, dank kleiner Anhöhe in diesem Falle möglich, Aufnahme verrechnet aus mehreren 35-mm Einzelaufnahmen

Zusammenfassung - Technik und Qualität in der Architekturfotografie
Gute Architekturfotos haben ihren Preis und werden auch in naher und mittlerer Zukunft nicht günstig zu bekommen sein. Der Markt der hochwertigen Fotografie wird bestehen bleiben aber zunehmend kleiner werden. Digitalisierung und Möglichkeiten der Bildnachbearbeitung bieten heute schon viele Chancen zur kostengünstigen Optimierung.

Die gestalterisch perfekte und technisch optimale Architekturfotografie wird in Zukunft seltener anwendbar und umsetzbar sein, zahlungskräftige Kunden bleiben natürlich gern gesehene Kunden mit Sinn für höchste Qualität und hohe Standards. Professionelle Architekturfotografie wird auch weiterhin ihren Preis behalten, vor allem deshalb, weil die Kombination aus umfangreichem Technikeinsatz (was Optik und digitale Prozesse angeht) und versierten Zugriff des Fotografen auf eine sehr komplexe bauliche Situation vor Ort zur Erlangung einer fachgerechte, nahezu makellosen Lösung kein Standardprodukt und keine Standard-Dienstleistung ist.

Mittelfristig wird ein Teil der Kunden in den Bereich der “do it yourself Fotografie” abwandern, sei es aus Kostengründen oder sei es, weil der Anspruch an Qualität nicht mehr im Vordergrund steht (eine Entwicklung, die leider in vielen Bereichen vormals hochwertige, handwerkliche Erzeugnisse zu Discount Produkten werden lässt). Professionelle Fotografen werden sich stärker als je zuvor für neue Modelle der Kooperation aber auch für Ansätze des Cost-Sharing interessieren müssen, um den Aufwand eines Projektes besser für Kunden tragbar zu machen und gleichzeitig Fixkosten für die Anschaffung hochwertiger Technik effizienter zu refinanzieren. Ebenso kann darüber nachgedacht werden, verschiedene Ausbaustufen der fotografischen Umsetzung je nach Kundeninteresse anzubieten, das mag für viele Fotografen fachlich ein unbequemer Schritt sein, macht es doch deutlich, dass nicht immer das Maximum an Qualität und Technik angewendet werden kann, es stellt sich aber den Gegebenheiten des Marktes. Nur jene Anbieter, die flexibel sind und nicht zu starr in ihren Strukturen verbleiben, haben eine Chance die Zukunft der Fotografie mit zu gestalten. Es bleibt zu hoffen und zu erwarten, dass der Sinn für Schönheit und für Details bestehen bleibt und damit ein hoher, fachlicher Standard gewahrt werden kann.

Der Kompromiss zwischen empfohlener 35 mm Normalbrennweite laut Lehrbuch zur optisch-räumlich besten Darstellungsweise von Architektur und die Fotografie in engen Innenstadtlagen mittels weitwinkliger Tilt-Shift-Objektive mit unter 20 mm Brennweite stellt also einen fachlichen Widerspruch dar, der leider nicht endgültig lösbar ist. Da Architekturfotografie im Sinne des Auftraggebers die Umsetzung des technisch machbaren sein muss, sind gewisse Kompromisse schlicht nicht zu vermeiden. Interessanterweise scheinen dies viele Architekturfotografen auch zu wissen. In den meisten Portfolios der beruflichen Architekturfotografen fehlen nach meiner Recherche sehr oft jene Aufnahmen, die dieses Spannungsfeld sichtbar machen. Statt dessen werden nur Architekturfotografien gezeigt, die mit viel Abstand, langer Brennweite oder aus einer optimalen Zentralperspektive aus gegenüberliegende, anderen Häusern aufgenommen wurden. Man könnte auch vermuten, dass potentiellen Kunden eine optimale Form der Fotografie vorgestellt wird, die im Falle vieler Kundenaufträge schlicht nicht zu leisten ist, da die räumlichen Gegebenheiten dies nicht erlauben. Daher kann ich Auftraggeber nur ermutigen, vor einer Beauftragung ganz bewusst auf komplexe Projekte zu achten und diese zu suchen oder als Referenzen anzufragen, bei welchen der Architekturfotograf sich realen und typischen Herausforderungen in engen Stadtlagen stellen musste. Nur darauf zu schauen, ob ideal gelegene Bauten gut dargestellt wurden, ist kein praktikabler Ansatz, wenn es darum geht für das eigene Projekt den passenden Architekturfotografen zu wählen.

Architekturfotografie
"Es gibt mit Sicherheit etwas unverwechselbares und einzigartiges, das unsere Zeit, das jede Epoche charakteristiert, das wir aber noch nicht fotografisch verwirklicht haben, und das die Regeln der Ordnung in der Abbildung benötigt, um es als Gesamtwerk entstehen zu lassen."

André Henschke

Architekturfotograf in Dresden, Immobilienfotograf und Interim-Manager