Gedanken zur Postproduktion und Bildbearbeitung

Nürnberger Platz 1 01187 Dresden aufgenommen von Andre Henschke Architekturfotograf Nürnberger Platz 1 in Dresden, wegen starken Verkehrsaufkommens musste umfangreich nachbearbeitet werden, die Aufnahme wurde mit einem ND 3.0 Filter umgesetzt

Gedanken zu Optionen der Postproduktion und Bildbearbeitung in der Architekturfotografie

Die Grundsätze der klassischen Architekturfotografie, so wie wir sie heute anwenden, wurden vom Künstler-Ehepaar Bernd und Hilla Becher in der Zeit von 1960 bis zum Jahr 2000 geprägt. Danach ist Architekturfotografie als objektive Dokumentation durch folgende Elemente gekennzeichnet:

  • Verwendung der Zentralperspektive
  • Fotografie bei trübem Licht (also optimal eine Wolkendecke, welche keine einzelnen Wolken erkennen lässt)
  • Vermeidung von Aktivitäten auf dem Bild
  • Keine Nutzung von Farbe, Fotografie nur in Schwarz-Weiß
  • Vermeidung von Spiegelungen
  • Vermeidung von Dezentralisierung im Bildaufbau
  • Keine Verwendung von kurzen Brennweiten
  • Kein Fokus auf Schmuckelemente der Fassade
  • Verzicht auf subjektive Fotografie

Damit kennzeichnet sich die Düsseldorfer Fotoschule durch eine Bildsprache, in der Distanziertheit, Kälte und Geradlinigkeit, bzw. parallele Linienführung vorherrschen.

Es steht außer Frage, dass die Werke des Ehepaars Becher Kunst- und Architekturgeschichte geschrieben haben. Im Alltag der Architekturfotografie wie auch der Immobilienfotografie zählen aber auch pragmatische Ansätze, die die Ambitionen der Kunden wie auch die marktorientierte Verwendung der Fotos zum Gegenstand haben; reine Schwarz-Weiß-Fotografie ist nur begrenzt im Markt zu platzieren. Die Vermeidung der Nutzung kurzer Brennweiten ist immer dann optimal möglich, wenn Gebäude in einem Umfeld errichtet wurden, der einen Betrachtungsabstand zulässt. Enge Straßen oder Einschränkungen durch das Alltagsgeschehen verhindern oft die Anwendung dieses Grundsatzes. Durch Wahl des perfekten Zeitpunkts kann der Fotograf hier Abhilfe schaffen: Im Mai, Juni, Juli oder August, kurz vor oder nach Sonnenaufgang, an einem Sonntag oder einem Feiertag, bei gutem Licht und bestem Wetter wird aller Wahrscheinlichkeit nach wenig Verkehr auf den Straßen herrschen, der öffentliche Nahverkehr selten fahren und Fußgänger sind nicht oft unterwegs. Praktisch gesehen sind damit nur in sehr wenigen Morgenstunden eines Jahres an verkehrsreichen Punkten Aufnahmen möglich. Aktivitäten auf dem Bild zu vermeiden würde sonst zu Vollsperrungen führen. Die Vermeidung von Spiegelungen ist bei Wohnhäusern mit vielen Mietern und damit verbunden sehr vielen Fenster-Stellungen auch nur indirekt möglich - die Nachbearbeitung muss es richten.

Nürnberger Platz 1 01187 Dresden Andre Henschke Architekturfotograf in Dresden Nürnberger Platz 1 in Dresden: Wegen starken Verkehrsaufkommens konnte die optimale Distanz des 1,5-fachen der Gebäudehöhe nicht eingehalten werden, Umsetzung mittels ND 3.0 Filter und 30 Sekunden Belichtungsdauer


Die Lösung liegt wie immer in der Nutzung von kreativen Hilfsmitteln, sowohl bei Aufnahme wie auch Nachbearbeitung der Bilder. ND-Filter verhindern zumindest das Sichtbarwerden einzelner Verkehrsteilnehmer, hier kam ein ND 3.0 Filter mit 30 Sekunden Belichtungsdauer zum Einsatz. Die Anwendung der Zentralperspektive war in diesem Fall machbar. Natürlich ist das Retuschieren und entfernen von störenden Elementen keine Neuigkeit und bereits seit mehr als 14 Jahren ist dieser Arbeitsablauf kaum verändert worden. Als kleines Beispiel sei hier aber eine vergleichsweise komplexe Situation dargestellt, welche mehrere Komplikationen enthält. Besser wäre das Foto zu besagter früher Morgenstunde aufgenommen worden, aber darum sollte es hier nicht gehen. Das Foto entstand an einem Abend, an welchem die Sonne direkt hinter dem Haus unterging, der Himmel war wolkenlos und damit heller als der Bildvordergrund. Es lag also eine sehr unvorteilhafte Gegenlicht Situation vor. Die Straße ist eine der verkehrsreichsten in Dresden, Bahnen und Busse verkehren regelmäßig. Aus diesem Grund überspannen zahlreiche Oberleitungen den Nürnberger Platz; Straßenlaternen im größten Format erhellen bei Nacht diese Kreuzung - zum Leidwesen all jener, die das Haus dahinter ablichten wollen. Nun galt es zu testen, ob trotzdem eine Aufnahme möglich ist, auf welcher keine Passanten und Fahrzeuge zu sehen sind, die Oberleitungen nicht den Blick auf das Gebäude Nürnberger Platz 1, 01187 Dresden stören und auch die schon seit vielen Jahrzehnten hier stehende sehr große Straßenlaterne direkt vor dem Haus entfernt werden konnte. Aus meiner Sicht ist dieses Experiment gelungen, berechtigterweise darf die Frage gestellt werden, ob das Ergebnis noch das ursprüngliche Haus zeigt, denn an vielen Stellen mussten Nachbearbeitungen und Retuschearbeiten vorgenommen werden, so dass die beiden Perspektiven des Nürnberger Platz Dresden mehrere Stunden Bearbeitung bedurften.

  • Nürnberger Platz 1 01187 Dresden Andre Henschke Architekturfotograf in Dresden vor der Retusche
  • Nürnberger Platz 1 01187 Dresden Andre Henschke Architekturfotograf in Dresden nach der Retusche
Vorher-Nacher-Vergleich einer Langzeitaufnahme des Nürnberger Platz 1 in Dresden: Entfernen der Oberleitungen und verschiedener Elemente, die nicht zum ursprünglichen Bauwerk gehörten

Fotografie ist immer eine Kunst, das maximal mögliche umzusetzen.

Hat der Maler den Vorteil, direkt beim Erschaffen seines Werkes all das zu ignorieren, was ihn stört, so muss der Fotograf mit der Situation vor Ort leben. Tages- und Stundensätze in der Berufsfotografie resultieren also auch aus der Kompetenz, unter allen Friktionen, als Unwägbarkeiten des Alltags, zu einem gesetzten Zeitpunkt ein Ergebnis zu liefern, dass den Anforderungen des Auftraggebers in maximaler Weise gerecht wird.



Architekturfotografie
"Es gibt mit Sicherheit etwas unverwechselbares und einzigartiges, das unsere Zeit, das jede Epoche charakteristiert, das wir aber noch nicht fotografisch verwirklicht haben, und das die Regeln der Ordnung in der Abbildung benötigt, um es als Gesamtwerk entstehen zu lassen."

André Henschke

Architekturfotograf in Dresden, Immobilienfotograf und Interim-Manager