Gedanken Zu den Anfängen und der Entwicklung der Architekturfotografie

Nikolaikirche Görlitz und Peterskirche Görlitz am Abend im Sommer aufgenommen vom Heiligen Grab Görlitz Andre Henschke Architekturfotograf Nikolaikirche Görlitz und Peterskirche Görlitz am Abend im Sommer, aufgenommen nahe dem Heiligen Grab Görlitz

Zur Geschichte, den Anfängen und der Entwicklung der Architekturfotografie
oder: Weshalb die moderne Architekturfotografie etwas mit dem Leben Heinrich VIII. gemeinsam hat.

Wer sich tiefer mit dem Wesen der Architekturfotografie auseinandersetzt, sollte sich ihren Anfängen widmen. Wann beginnt die wahre Geschichte der Architekturfotografie? Ist es das Jahr 1826 oder war es das Jahr 1400? Architektur besitzt für uns ein kulturstiftendes Element. Kaiser, Könige, Päpste, Fürsten, Bischöfe und vor allem Bürger waren es, die ihr Selbstverständnis in Stein verewigten und damit machtvoll und prachtvoll die Geisteshaltung einer Epoche und ihrer selbst zur Schau stellten. Diese Geschichte der Architektur ist natürlich mit der Geschichte vieler anderer Kunstformen eng verbunden. Die Architektur blieb durch ihre Größe und Dreidimensionalität immer etwas Besonderes. Bereits die Renaissance erkennt durch den florentinischen Baumeister Filippo Brunelleschi (1377-1447) das Stilmittel der Perspektive. Brunelleschi vermochte die Wirkung perspektivischer Betrachtung in seinen Bauwerken gezielt einzusetzen. Es vergeht ein weiteres Jahrhundert, bis mit der “Paragone” ein Wettstreit der Künste entsteht. In diesem Diskurs um 1500 in Italien rivalisieren Malerei und Bildhauerei um eine Vorrangstellung. Die Frage, welche bildende Kunstform die vorzüglichste sei, wurde auf hohem Niveau geführt. Dabei ergänzten (Architektur)-Malerei wie auch Bildhauerei die Kunstform der Architektur in vollendeter Weise. Die Barockzeit ist es, welche die Malerei zur Darstellung und zum Schmuck der Architektur nutzt. Gebäude werden nicht nur abgebildet und gemalt, Gebäude werden durch Malerei im Inneren aufgewertet und perspektivisch erweitert. Die Malerei erschafft damit Eindrücke der Architektur, die sie selbst niemals allein vermitteln konnte.

Doch nun ein kurzer Exkurs in die Portraitmalerei, der mir an dieser Stelle notwendig erscheint. Die frühe Architekturfotografie und die frühe Portraitmalerei weisen eine interessante Gemeinsamkeit auf. Es war das Spätmittelalter, welches annahm, dass Portraitmalerei eigentlich keine Kreativität des Künstlers erforderte. Der Künstler solle einfach nur die Realität kopieren, eine eigene Aussage musste dem Portrait nicht innewohnen. Interessanterweise gleicht dieser Ansatz der rein dokumentarischen Objektivität der frühen aber auch der klassischen Architekturfotografie auf erstaunlicher Weise. Porträts der Renaissance erfanden - ganz nach ihrer Art - die Antike neu. In der Antike waren Münzen üblich, die Herrscher im Profil abbildeten. Noch heute, im Mai 2021, ziert das Profilporträt von Königin Elisabeth II. die Briefmarken des Vereinigten Königreichs der ersten und zweiten Klasse in der gleichen Form, wie sich einst die Medici portraitieren ließen. Erst in der Mitte des 16. Jahrhunderts änderte sich die Art, wie Menschen dargestellt werden - das Dreiviertelporträt kam in Mode. Die Kommentarfunktion im Portrait erlangte in der Renaissance einen ganz eigenen Höhepunkt. Heinrich VIII. entsandte Hans Holbein, um seine zukünftige, achte Ehefrau, Anna von Kleve, portraitieren zu lassen. Hans Holbein sah wohl viel Schönheit in Anna von Kleve, eine Schönheit, die Heinrich VIII. auf dem Bild gefiel, beim ersten Treffen der beiden Brautleute fand der König jene Schönheit nicht in seiner Gemahlin. Dies war am Ende der Grund, warum Thomas Cromwell im Tower von London endete. Es darf ein Gedankenexperiment bleiben, wie sich die europäische Geschichte entwickelt hätte, wäre das Protrait der Anna von Kleve ein unkommentiertes, ganz natürliches Portrait geblieben. Die Barockzeit schliesslich war es, die dem Portrait endgültig eine Kommentarfunktion zugestand. Das Portrait sollte weit mehr sein, als ein 1:1 Abbild der Person. Jedes Detail wurde sorgsam gewählt und in Szene gesetzt, die Bildsprache war komplex und ist es bis heute geblieben.

Ein Portrait erhöht den Blick, es definiert, wie jene Person auf dem Portrait von anderen Menschen gesehen werden möchte. Der reine dokumentarische Charakter ist nur im biometrischen Passbild erhalten geblieben.

Businessportrait vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig Architekturfotografie in ihrer werblichen Form als Dekorationselement im Hintergrund zur Vermittlung eines stilbildenden Rahmens Andre Henschke Architekturfotograf Portrait vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig - Architekturfotografie in ihrer werblichen Form als Dekorationselement im Hintergrund zur Vermittlung eines stilbildenden Rahmens

Doch springen wir zurück auf die Anfänge der Fotografie. Die damals noch sehr langen Verschlusszeiten und der große Lichtbedarf ließen sehr schnell die Architektur ins Zentrum der Fotografie rücken. Architektur bewegt sich nicht, bei Sonnenschein gibt es ausreichend Licht und im Zweifelsfall kann beliebig oft ein gleiches Motiv erneut fotografiert werden - ideale Ausgangsposition für eine neue Technik der Abbildung, wie sie von Joseph Niépce schon 1826 aus seinem Atelierfenster praktiziert wurde. Er war es, der das erste uns überlieferte Architekturfoto erzeugte. Verbildlichen wir uns die Zeit, in der diese allererste Architekturfotografie aufgenommen wurde: Beethoven verstirbt 1827, Goethe im Jahre 1832, Königin Victoria wird 1819 geboren. Allen drei Persönlichkeiten der Weltgeschichte ist gemein, dass sie zum Datum der ersten Aufnahme von Architektur schon oder noch gelebt haben. Ihr Tod scheint für uns weit weg zu liegen, die ersten Fotos wirken aber seltsam zeitlos und vertraut. Damals war es der Klassizismus, der 1826 als Kunstform vorherrscht und das Denken und das künstlerische Handeln bestimmt. Der “Klassizismus” sieht sich selbst als Gütesiegel einer Vorbildhaftigkeit - klassizistische Kunst soll Vorbildcharakter haben, sie soll das Prädikat der Klarheit, der Rationalität, von Kontur und Linie aber auch der Mäßigung von leidenschaftlichen Ausdrücken zum Gegenstand haben. Es erscheint als kleiner Schritt, “klassische”, also vorbildhafte Kunst mit dokumentarischer Architekturfotografie in Verbindung zu bringen. Architekturfotografie soll möglichst wertungsfrei und neutral bleiben und eine Betrachtungserfahrung vermitteln, die natürlich und zugleich allgemeingültig ist. Ebenso soll die besondere Güte des Entwurfs der Architektur natürlich abgebildet und wiedergegeben werden. Damit wird die Architekturfotografie zu einer besonderen aber auch normalen Kunstform, denn sie erhöht nicht den Eindruck der Betrachtung, wie dies später die Malerei in der Romantik tun wird. Architekturfotografie zielt nicht auf Emotionen ab, wie der Expressionismus es zu tun pflegte. Die architekturfotografische Inszenierung ist damals als Kunst dann besonders gut erfüllt, wenn sie die möglichst reine Information des Bauwerks optimal transportiert. Wir haben gesehen, dass auch die Portraitmalerei einen fast gleichen Werdegang in der Kunstgeschichte nahm. Doch ist eine so reine Wiedergabe des Bauwerkes überhaupt möglich? Jede Fotografie ist eine zweidimensionale Wiedergabe eines dreidimensionalen Objektes, verringert durch die Anzahl der Details, was technisch bedingt ist, und vereinfacht durch die Perspektive, die der Fotograf gewählt hat. Dazu kommt, dass es immer einen Rest an subjektivem Einfluss gibt, den der Fotograf durch Auswahl des Zeitpunktes seiner Aufnahme verleiht. Wirklich objektiv kann eine Fotografie damit nie werden. (Zum Thema der dokumentarischen Objektivität habe ich bereits hier einige Gedanken zusammengefasst.) Die klassische Architekturfotografie bleibt bis zum Ende des ersten Weltkriegs rein dokumentarisch. Dies mag verwundern, denn vor dem ersten Weltkrieg war es eine zum Teil opulente Fassadengestaltung, die im Jugendstil und der “Belle Epoche”, der “Victorian Era” weit entfernt war von rationaler Distanziertheit; Schönheit sollte in jedem Detail der Architektur lebendig werden. Interessanterweise zeigen die verschiedenen Begriffe dieser letzten Epoche vor dem ersten Weltkrieg in den einzelnen Ländern, dass es für sie im Gegensatz zu früheren Epochen keinen gemeinsamen Begriff mehr gab. Hier deutet sich an, dass die Zukunft keinen so einheitlichen Begriff mehr von Dingen haben wird, wie dies in den Jahrhunderten davor noch üblich war.

Was ändert sich in der Architekturfotografie nach dem ersten Weltkrieg? Es kommt zu einem radikalen Bruch in der Auffassung, was Architekturfotografie sein soll. Nicht mehr Dokumentation und Reinheit der Betrachtung stehen im Vordergrund, also Elemente, die konservativ, und statisch sind, nein, es ist eine eigene Ausdrucksweise, die gesucht und gefunden wurde. Das Bauhaus, jene neue Schule der Architektur, die überbordende Opulenz abschafft, und dem Arts & Crafts Gedanken Großbritanniens mit seinem Credo “form follows function” folgt, ist es, welche die Architekturfotografie als eigene Kunstform ansieht. Dabei geht es darum, eine perfekte Symbiose zwischen handwerklichem Können, technischem Fortschritt im künstlerischen Ausdruck zu vereinen. Da in der Kunstgeschichte Übergänge niemals definitiv zu einem Zeitpunkt exakt geschahen und damit fließend stattfanden, braucht es eine Definition, um Architekturfotografie als eigenständige Kunstform zu definieren.

Ab dem Moment, an dem die Motivauswahl sich von der Darstellung der reinen Gebäudeaussage entkoppelt, ist der Moment gekommen ist, an dem Architekturfotografie eine eigene Kunstform wurde.

Auch wenn ein Gebäude, wenn Architektur zentraler Gegenstand der Architekturfotografie ist, muss der Sinn und der Zweck des Gebäudes nicht mehr die zentrale Aussage der Fotografie dieses Gebäudes sein. Architektur wird zu einem Mittel, mit welchem eine Gestaltung von Licht und Schatten, von Tiefe von Weite, von Symmetrien und von Proportionen ermöglicht wird - ganz unabhängig davon, ob das Gebäude und die Architektur noch als solche im Mittelpunkt stehen. Die rein sachliche Darstellung von Architektur besitzt keine eigene Bedeutung.

Palais im Großen Garten in Dresden am Morgen im Spätsommer Architekturfotografie in dokumentarischer Form ohne Kommentarfunktion, das Gebäude steht ohne besondere Inszenierung und bei indirektem Licht für sich, aufgenommen in Zentralperspektive Andre Henschke Architekturfotograf Palais im Großen Garten Dresden, Aufnahme am Morgen - Architekturfotografie in dokumentarischer Form ohne Kommentarfunktion, das Gebäude steht ohne besondere Inszenierung und bei indirektem Licht für sich, aufgenommen in Zentralperspektive.

Insofern teilt sich die Architekturfotografie in zwei große Bereiche, die sich ergänzen, durchdringen aber auch verdrängen. Wir definieren damit seit den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts die dokumentarische und die werbliche Architekturfotografie.

Grob gesagt können beide Genres wie folgt definiert werden: Die dokumentarische Architekturfotografie wird in hochwertigen Bildbänden oder in Magazinen genutzt, natürlich und ganz besonders in Baudokumentationen.

Die werbliche Architekturfotografie nutzt Architektur, um einer Werbeaussage einen Hintergrund zu geben. Architektur wird zur Staffage, sie selbst besitzt keine eigene Bedeutung. Je nach Bedarf wählt der Werbefotograf die Architektur, die er braucht, ob Barock oder Renaissance, Mittelalter oder Moderne, ganz nach dem gewünschten Look des Hauptproduktes wird mit passender Architektur als Kulisse geworben.

Doch wieso ist Architektur eine so ideale wie auch eindrückliche Projektionsfläche für Kunst über so viele Generationen? Die Architekturfotografie mag heute durch digitale Möglichkeiten sehr viele Optionen nutzen können und noch nie war es so leicht, Architektur wiederzugeben. Dennoch ist es beeindruckend, dass mit jedem Abbild eines berühmten Bauwerkes (auch wenn es meistens nur ein Schnappschuss mit dem Smartphone ist) der Versuch besteht, etwas ganz Besonderes im Bild einzufangen. Zwischen Menschen und ihrer Architektur wächst eine spezielle Verbindung. Es ist der Ausdruck der Kulturleistung der Vergangenheit, die grandiose Monumentalität, die weit über das Element der Wohn- oder Arbeitsstätte hinausgeht, die uns beeindruckt. Architektur vermittelt uns aber auch ein Selbstwertgefühl. Es ist die Erkenntnis, dass ein Bild mehr sagen kann als tausend Worte, welche die Architekturfotografie zu einer eigenen Kunstform erwachsen ließ und die dafür sorgt, dass Architekturfotografie sich auch heute selbstbewusst weiterentwickelt. Es bleibt der Geschichte vorbehalten zu urteilen, wie der Blick auf die Wahrnehmung von Architektur im 21. Jahrhundert zu bewerten ist. Wir können als Architekturfotografen nur unser Möglichstes tun, um nachfolgenden Generationen unseren Blick auf Bauwerke aus Gegenwart und Vergangenheit als Zeugnis unserer Zeit zu hinterlassen.



Architekturfotografie
"Es gibt mit Sicherheit etwas unverwechselbares und einzigartiges, das unsere Zeit, das jede Epoche charakteristiert, das wir aber noch nicht fotografisch verwirklicht haben, und das die Regeln der Ordnung in der Abbildung benötigt, um es als Gesamtwerk entstehen zu lassen."

André Henschke

Architekturfotograf in Dresden, Immobilienfotograf und Interim-Manager